12.07.2010 - Erlebnisbericht zur 24h Wanderung

Laufen, laufen, laufen
Teilnehmer marschieren ohne Schlaf um das Tannheimer Tal – 3000 Höhenmeter Auf- und 4000 Meter Abstieg
Keiner spricht. Stundenlang stapft jeder nur im Schein seiner Stirnlampe durch die Nacht. Nur wenn ein Alpensalamander den Weg kreuzt, geht ein „Vorsicht! Nicht drauf treten“, durch die Reihen der Wanderer. Jeder ist müde, hat Mühe, die Augen offen zu halten. Schließlich ist die Gruppe seit über 13 Stunden unterwegs. Elf liegen noch vor ihnen. Ihr Ziel: 24 Stunden marschieren, 3000 Meter auf- und 4000 absteigen.
„Ich will sehen, wie das mit dem Schlafentzug wird“, hatte Robert Henneberger vor Beginn der Tour gesagt. Der 23-jährige Student aus Kaiserslautern ist nach Tannheim gekommen, um neue Erfahrungen zu sammeln. „Die eineinhalb Stunden nach Sonnenaufgang waren die schlimmsten“, wird er später sagen.
Viele Stunden vorher starten die 23 Dauerwanderer und drei Bergführer von der Mammut Alpine School, dem Veranstalter, an der Seilbahnstation Füssener Jöchle. Von rund 1800 Metern Höhe geht es zuerst bergab. Ein älterer Teilnehmer rutscht dabei immer wieder aus und fällt hin. Er und seine Frau brechen die Tour bald ab. Der darauffolgende Anstieg verlangt den übrigen Wanderern im Alter zwischen 23 und 62 Jahren Konzentration ab: In der prallen Sonne steigen sie über Geröll und Altschneefelder auf. Ein Helm schützt sie vor Steinschlag, während sie an einem Drahtseil Kletterpassagen überwinden. Und nicht jeder in der Gruppe ist bergerfahren. Viele der Teilnehmer sind Triathleten, Trekking-Freunde oder Marathonläufer.
Nach einem weiteren Abstieg wartet das Abendessen im Gimpelhaus. Kai Uwe Neeb, 35, erzählt dabei, dass er eine Grenzerfahrung machen will. Dafür ist er extra aus Düsseldorf angereist. Neeb ist zuversichtlich, dass er die Tour durchsteht: „Ich denke, das ist vor allem Kopfsache.“
Nach dem Essen wandern die Teilnehmer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in die Nacht hinein. Im Dunkeln steht die Gruppe auf dem 1938 Meter hohen Hahnenkamm. Spätestens jetzt sind alle wieder verschwitzt. Weiter unten, auf dem Grat, gibt es eine kurze Pause. Nach dem obligatorischen Trinken und Müsliriegel-Verdrücken, kramen die Wanderer wieder ihre Helme aus den Rucksäcken. Sie befestigen ihre Stirnlampen daran. Dann ist wieder volle Konzentration gefragt: Sie klettern auf die 1986 Meter hohe Gaichtspitze. Um Mitternacht steht die Gruppe auf dem Gipfel. Was dann folgt, drückt die Motivation und geht in die Knie: Der Abstieg bis ins Tal.
Den Rest der Nacht geht es durch das Birkental stetig bergauf. Spätestens jetzt, beim monotonen Gehen, machen sich Probleme bemerkbar: Schmerzen in Knien oder Rücken und kaum auszuhaltende Müdigkeit. Doch mit dem Sonnenlicht kommt auch die Energie wieder.
Nach dem Frühstück auf der Landsberger Hütte quert die Gruppe zum Schrecksee an der Deutschen Grenze und hinein ins Allgäu. Steile Altschneefelder und die brennende Sonne erschweren diese letzte Etappe. Vom See aus geht es dann endlich über einen Teil des Jubiläumswegs und Richtung Tal. Nach 24 Stunden schleppen die Wanderer sich am Ufer des Vilsalpsees entlang und erreichen ihr Ziel am Nordufer. Dort legt Robert Henneberger sich auf einen Steg und hängt seine Füße ins Wasser. „So eine Tour lohnt sich“, sagt er. „Vor allem dann, wenn man seine eigene Leidensfähigkeit testen will.“
Mit freundlicher Genehmigung der Allgäuer Zeitung/ Text und Bild: Frank Eberhard
Pressemitteilung vom 12.07.2010
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