20.07.2010 - Seven Summits im Allgäu

Von der Weite, den Qualen und dem Glück danach
Mammut-Gipfeltour Die „Seven Summits“ des Allgäus in 30 Stunden bestiegen – 6150 Höhenmeter und 53 Kilometer

Natürlich ist es eine ziemlich verrückte Idee, die eigentlich nur am Biertisch entstehen kann: Sieben Allgäuer Gipfel in einem Zug zu besteigen – ohne längere Schlafpause, darunter die hohen am Allgäuer Hauptkamm mit dem Heilbronner Weg als Sprint-Einlage.

Vier Bergsteiger aus dem Allgäu haben das in gut 30 Stunden gemacht, zwei Nächte und einen Tag lang sind sie an einem Wochenende unterwegs. Es waren äußerst wechselvolle Gefühle. Wie eng liegen doch Euphorie, Erschöpfung und Müdigkeit sowie das Glücksgefühl, etwas geschafft zu haben, beieinander. Stationen der Mammut-Tour, die vom gleichnamigen Memminger Bergsportartikel-Hersteller gesponsert wurde haben wir festgehalten:
Die Stimmung unter den vier Bergsteigern ist ausgelassen, als es in der Nacht zum Samstag nach Mitternacht von der Hochgratbahn-Talstation hinauf zum Gipfel geht.
Es ist stockdunkel – Neumond eben. Noch fühlen sich alle fit, endlich geht es los – zur Extrem-Wanderung in den Allgäuer Alpen. Mit Verwunderung registrieren die Bergsteiger nach 1.15 Uhr, dass ihnen vier andere Wanderer bergab mit Stirnlampen entgegen kommen. Oben am Gipfel zeigt sich dann auch, dass am Berg immer etwa los ist: Einige liegen in ihren Schlafsäcken unter freiem Himmel, andere schlafen in einem Zelt unter dem Gipfelkreuz. Unten ein Lichtermeer. Bis nach Lindau am Bodensee reicht die Sicht. Ein langer Abstieg steht bevor: Exakt 1000 Höhenmeter geht es hinunter – über die steile Skipiste, der Weg ist kleinsplittrig und volle Konzentration ist notwendig.

Unten wartet Daniel, ein junger Student, als Fahrer auf die Weitwanderer. Er studiert Sonderpädagogik und der Gag macht schnell die Runde: Wer so etwas Verrücktes macht, der müsse bei ihm ja in besten Händen sein. Wer kann, versucht beim anschließenden Auto-Transfer etwas zu schlafen. In Lechleiten bei Warth im oberen Lechtal ist die Sonne schon aufgegangen. Über Wiesensteige geht es hinauf in Richtung Biberkopf. Imposant steht der plattige Gipfel über den bunten Blumenwiesen. Felsige Passagen fordern die volle Konzentration der Wanderer. Und dann der Gipfel: Atemberaubend ist der Blick über die Berge der Lechtaler Alpen und den Allgäuer Hauptkamm.
Es ist noch früh am Morgen, das heißt: Brotzeit und vor allem viel Trinken. Die Temperaturen steigen rasant an. Der Weg zur Rappenseehütte ist garniert mit steilen Schneefeldern, die gequert werden müssen.
Endlich eine Pause: ein „Strammer Max“ und dann geht es weiter. Hinauf über die Steinkarscharte zum Hohen Licht. Es ist heiß, sehr heiß.

Die „Seven-Summit-Jungs“ geben Gas, laufen in zwei Stunden vom Gipfel des Hohen Lichts hinüber zur Mädelegabel. „Wir müssen trinken, viel trinken“, mahnt Helmut. An jeder Stelle, an der das Schmelzwasser über die Felsen rinnt, füllen sich die Bergsteiger ihre Flaschen. Mädelegabel-Gipfel und dann die Kemptner Hütte sind die nächsten Stationen. Hüttenwirt Martin Braxmeier, selbst begeisterter Ausdauer-Sportler, hat Verständnis: „Verrückt, aber ich find’s ja super, dass Ihr das macht.“
„Weitergehen statt Weizenbier“, lautet am Abend die Devise beim Abmarsch von der Hütte.
„Es ist erstaunlich, dass es dann doch immer wieder geht und die Füße mitmachen“, sagt Stefan Heiligensetzer aus dem Oberallgäuer Sulzberg. Und es geht. Und wie. Innerhalb von gut zwei Stunden stehen alle Weitwanderer auf dem Gipfel des Großen Krottenkopfs, höchster Berg der Allgäuer Alpen. Die Füße schmerzen beim Abstieg, über 1800 Meter sind es bis unten nach Holzgau im Lechtal. Stundenlang geht es hinunter. Inzwischen ist es dunkel geworden, in der Ferne zucken die Wetterleuchten. Die Beine werden jetzt immer schwerer, die Fußsohlen brennen. Endlich ist Holzgau erreicht. „Kommt Ihr jetzt noch von der Kemptner Hütte?“, will die freundliche Kellnerin vom „Bären“ wissen. Wenn die wüsste... Immerhin macht sie den Weitwanderern trotz der späten Stunde noch eine Speckknödel-Suppe heiß. Bei der anschließenden Fahrt nach Reutte-Pflach zur vorletzten Etappe der Mammut-Tour fallen allen die Augen zu.

Jetzt, mitten in der Nacht, steht der Säuling noch auf dem Programm. „Da lief ich eine zeitlang wie betrunken durch die Gegend, konnte aber nichts dagegen tun“, notiert Stefan Heiligensetzer später in seinem Tourenbuch. Und den anderen Wanderern geht es nicht viel anders. Gott sei Dank bessert sich bei allen Bergsteigern dieser Zustand im weiteren Verlauf. Und nach einem kurzen Transfer stellt der abschließende Marsch auf den Grünten kein Problem mehr da. „So etwas kann man nur im Team schaffen“, sagt Helmut Winkler beim Rührei-Frühstück vor der Grüntenhütte.

Zwei weitgehend schlaflose Nächte, 53 Kilometer zu Fuß und über 6000 Höhenemeter bergauf liegen hinter den Wanderern. Müde stolpern sie über die Wiesen hinunter zur Jörgalpe. Einziger Wunsch: für ein paar Stunden ins Bett. Komisch: Freude und Glück über das Geleistete stellen sich erst nach ausgiebigem Schlaf am nächsten Tag ein.
Das Glück liegt gleich hinter den Schmerzen.


Sieben Gipfel
Eigentlich bezeichnen Alpinisten die höchsten Berge der sieben Kontinente als „Seven Summits“. Die „Seven Summits“ der Allgäuer Alpen gibt es natürlich nicht. Mit Recht kann man zum Beispiel fragen, warum Trettach, Hochvogel oder Höfats nicht dazu gehören sollen: Alles eine Frage der Definition. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Der Zeitplan
Samstag
0.30 Uhr: Start Hochgratbahn-Talstation
2.20 Uhr: Hochgrat-Gipfel
3.50 Uhr: Hochgratbahn-Talstation
Auto-Transfer Lechleiten/Lechtal
5.45 Uhr: Abmarsch Lechleiten
8.00 Uhr: Gipfel Biberkopf
10.10 Uhr: Rappenseehütte
11.00 Uhr: ab Rappenseehütte
12.30 Uhr: Gipfel Hohes Licht
13 Uhr: ab Hohes Licht / Heilbronner Weg
15 Uhr: Gipfel Mädelegabel
16.45 Uhr: Kemptner Hütte
17.45 Uhr: ab Kemptner Hütte
19.50 Uhr Gipfel Großer Krottenkopf
20.10 Uhr: ab Großer Krottenkopf
22.45 Uhr: Holzgau/Lechtal
24 Uhr: Auto-Transfer Reutte/Tirol
Sonntag
1 Uhr ab Reutte-Pflach
3.30 Uhr: Gipfel Säuling
5.30 Uhr: Reutte-Pflach
5.45 Uhr: Auto-Transfer Kranzegg
6.50 Uhr: ab Kranzegg
7.45 Uhr: Gipfel Grünten
8.30 Uhr: Grüntenhütte
Frühstück und Abstieg

Michael Munkler

Pressemitteilung vom 20.07.2010